Der erste Teil des Interviews von Winfrey Oprah brachte keine wirklich neuen Erkenntnisse, ausgenommen Lance Armstrongs öffentliches Bekenntnis über seine jahrelangen Doping Praktiken. Der zweite Teil, des im Vorfeld viel zu stark aufgeplusterten Interviews, greift auch keine offenen Fragen auf und widmet sich eher den familiären Verhältnissen Armstrongs als den sportpolitischen Zusammenhängen.

Lance Armstrong darf, ohne kritisches Hinterfragen, seine Lebenslangesperre wegen Dopings mit der Todesstrafe gleichsetzen und drückt gewaltig auf die Tränendüse, dass er mit 50 Jahren nicht einmal mehr den Chicago Marathon laufen dürfe. Oprah geht auch nicht weiter darauf ein, dass Armstrong nach wie vor beteuert ein sauberes Comeback abgeliefert zu haben, obwohl er auch 2009 weiterhin enge Bindungen zu seinen alten (Doping)Betreuern pflegte und Dr. Michele Ferrari hunderttausende Dollar überwiesen hat.

Umso stärker rücken Armstrongs Verluste in den Vordergrund. Er redet von dem 75 Millionen Dollar Tag, als Nike und Co. ihre Sponsorenverträge kündigten. Viel zu privat wird es, als Lance Armstrong davon erzählt wie er seinen Kinder eingesteht, dass er gelogen hat. Auf Eurosport wird unter den Titel Todesstrafe, Dämonen und viele offene Fragen das Interview kritisch zusammengefasst.

Die offenen Fragen übernehme ich mal, geben sie doch einen guten Überblick darüber, was man mit dem Interview an Oprahs Stelle hätte machen können:

  • Wenn das Comeback 2009 wirklich sauber war: Wie erklären sich dann die Blutwerte aus jenen Jahren, die laut WADA unzweifelhaft Doping belegen?
  • Was geschah in den 20 Minuten, die der Dopingkontrolleur am 17. März 2009 warten musste, bis er ins Haus durfte?
  • Wofür hatte das Team bei der Tour 2009 Transfusionsbesteck dabei, wenn der Besitz in Frankreich doch strafbar ist?
  • Warum wurde an die UCI großzügig gespendet, während im Team US Postal die eigenen Helfer auf Prämien verzichten sollten?
  • Und weshalb behaupten Sie, die Zahlungen an die UCI seien erst geflossen, als die Karriere bereits beendet war – wenn doch die UCI selbst erklärt hat, schon 2002 habe sie 25.000 Dollar erhalten?
  • Warum wollen Sie auf die Frage nach dem Dopinggeständnis im Krankenhaus in Indiana nicht antworten?
  • Sie behaupten, es habe kein sechsstelliges Angebot an USADA gegeben – lügt dann also deren Chef im TV-Interview?
  • Wer ist eigentlich Johan Bruyneel? Und wo könnte der stecken? Und was dürfte der zu dem Geständnis meinen?
  • Wie kam es denn dazu, dass Filippo Simeoni zufällig als amtierender italienischer Meister nicht am Giro 2009 teilnehmen durfte, wo sie zufällig erstmals am Start waren?
    Andreas Schulz, Eurosport.de

  • Hier wird auch deutlich, dass vielleicht doch nicht jegliche Frage erwünscht war und/oder Oprah doch nicht so gut vorbereitet war. Winfrey Oprah ist eben eine Talkshow Moderatorin und keine Radsport Expertin.

    Im Radsport bleibt also alles beim Alten. Die UCI kann durchatmen und hat von Armstrong nichts mehr zu befürchten, denn seine Offenbarungen sollen bei einer Reduzierung der Doping Sperre helfen und nicht helfen den Radsport im Kampf gegen den Doping zu helfen. Die Hintermänner bleiben einmal mehr außen vor.

    Betsey Andreau kommentiert bei CNN das Geständnis von Armstrong sehr böse. Über 10 Jahre hatte Lance Armstrong die Familie Andreau durch Verleumdungen, Lügen und Anfeindungen ins Abseits bugsiert, weil Betsey Andreau Armstrongs Doping Geständnis 1996 hörte und 2003 einem befreundeten Reporter erzählte. Armstrong rächte sich und sorgte für das frühere Karriereende ihres Mannes und stellte sie selbst in der Öffentlichkeit als „verrückte Schlampe“ dar.