16.000 FahrerInnen, drei Strecken mit großen Bestandteilen der Profistrecke, viele schwere Anstiege, eine tolle Atmosphäre und ein Erlebnis das seinesgleichen sucht: Die Ronde van Vlaanderen gehört zu den Schönsten Erfahrungen, die ich als aktiver Hobbyradfahrer bisher miterleben durfte!

Nicht ganz nach Plan verlief meine Ankunft, weil ich kurz vor dem Ziel auf Tim warten wollte und mir dabei – blöderweise – die Autobatterie leer gezogen habe. Der ADAC in Kooperation mit dem belgischen Pendant waren aber an diesem Tage auf meiner Seite und nach nur 75min Wartezeit konnte ich die letzten 9km Fahrt zum Start wieder aufnehmen. Dadurch konnte ich den geplanten Start um spätestens acht Uhr vergessen aber immerhin war eine Teilnahme überhaupt noch möglich. Der Tage würde also etwas länger werden und einsam, denn meine verbliebene Begleitung war leider bereits auf der Strecke und Stefan leider verhindert.

Organisation, Service, Verpflegung und Beschilderung auf allerhöchstem Niveau
Trotz meiner verspäteten Anreise gab es keinen Stau. Das Parkleitsystem funktionierte und in kürzester Zeit haben mich ca. 15 Helfer zu meinen Parkplatz gelotst. Von dort waren es ca. 5km zum Startbereich, alles ausgeschildert und an den Hauptverkehrsstraßen mit verkehrsregelnden Polizisten. Der Startbereich war riesig und die Masse an Rennradfahrern war beeindruckend, zum ersten Mal sollte man eine kleine Vorstellung davon bekommen, was 16.000 bedeuten. Die Startunterlagen gab es trotzdem ohne Wartezeit. Zugegeben, die 9.000 belgischen Fahrer haben ihre Unterlagen nach Hause bekommen aber die anderen 7.000 waren auch noch da. Und in Deutschland bekommt man ausrichtender Verein schon mit weniger als 1000 Teilnehmern Probleme bei der Startnummern Ausgabe.

Die Strecke war bestens ausgeschildert, verfahren unmöglich. Da war nur der Radweg benutzt werden durfte gab es Absperrgitter, andernfalls war mindestens unsere eigene Straßenseite freigegeben, häufig sogar beide Straßenseiten.

Die drei Verpflegungsstationen waren eher Verpflegungslager. Während in Deutschland schon mal Stationen leer sind, waren die Verpflegungen bei der Flandern-Rundfahrt bestens gefüllt und man durfte sich – in einer Menustraße angelegt – einmal querbeet durchfuttern. Riesige Kanister sorgten für Energiedrink- bzw. Wasserzufuhr in die Trinkflasche. Je nach Station sorgte Redbull oder andere Promoter mit Zusatzdreingaben. Shimano Service Mechaniker boten einen mobilen Pannendienst und hatten ebenfalls drei feste Stationen, die bei meinem Vorbeifahren allesamt sehr gut gefüllt waren.

Vlaanderens mooiste.

Vlaanderens mooiste.

Super Atmosphäre im Fahrerfeld
Um kurz nach halb neun ging ich auf die Strecke. Eine riesige Gruppe aus über 100 Fahrern fuhr im gemäßigten Tempo die ersten Kilometer entlang eines Kanals. Kurz darauf blicken schon alle nach links, um einen begehrten Blick auf den Koppenberg zu erhalten, 600m lang im Schnitt 11% bei maximalen 22% Steigung: Beeindruckend. Eine scharfe links Kurve bremste das gesamte Feld aus und dann hieß es nur noch kurbeln, kurbeln, kurbeln.

Aber schnell war klar, die maximal drei meter breite Straße ist zu schmal, das Pflaster zu groß und die Fahrer zu viele. Nach und nach mussten alle den Berg schiebend bezwingen. Leider, es sollte aber der einzige bleiben. Und obwohl alle Schieben mussten gab es im Feld keinerlei Ärger, der Großteil nahm das einfach mit Humor. Ärger konnte ich auf der gesamten Strecke nicht beobachten, alle fuhren sehr besonnen und gesittet. Vorbildlich sowohl von den schwächeren wie von den stärkeren Fahrern.

Ruhiges Rollen zwischen den Anstiegen gar nicht möglich
Die Ronde selbst war ein stetiges auf und ab. Es gab kaum längere flache Passagen. Hellinge über Hellinge und dazwischen ging es ebenso munter weiter bergauf und ab. Und wenn es gerade nicht nach oben ging, dann kam der Wind von vorne oder eine Pflasterstein Passage sorgte für mäßige Geschwindigkeiten. Mein Plan also zwischen den Hellingen im Grundlagen Bereich zu fahren konnte ich nicht umsetzen. Widererwarten leicht kam ich über die Anstiege, die ich trotz Bodenbeschaffenheit und zweistelligen Steigungsprozenten recht ordentlich hochkurbeln konnte.

Die Distanz und der Gegenwind sorgten aber bei mir dafür, dass ich ab km50 bis km100 mehr mit mir selbst kämpfen musste als mit der Strecke. meine Erinnerungen sind deswegen auch sehr spärlich, die Gedanken drehten sich mehr um das Aufsuchen des nächsten Besenwagens als um das Aufsaugen der Schönheit der Umgebung. Die zweifelsfrei vorhanden war.

Irgendwann kam dann aber neuer Mut und Motivation und die letzten 30 Kilometer mit der Oude Kwaremont und dem Paterberg waren – trotz der Strapazen – ein purer Genuss. Für das letzte Flachstück zum Ziel, natürlich gegen den Wind, hatte ich nach über sechs Stunden noch genug Reserven, um ein bißchen in die Pedale zu drücken und in einer kleinen Gruppe den Weg zum Ziel anzutreten. Nach etwas über 6:30 Stunden war es dann endlich soweit, die Flamme rouge und kurze Zeit später das Ziel. Ein gutes Gefühl die Ronde geschafft zu haben. Die letzten Kilometer durch Oudenaarde, im Übrigen eine schöne Stadt, waren dann purer Genuss.

Einfahren, Ausfahren und dazwischen ein stetiges auf und ab über fast 100 Kilometer.

Einfahren, Ausfahren und dazwischen ein stetiges auf und ab über fast 100 Kilometer.

Kopfsteinpflaster als wahrer Killer
Sorge hatte ich vorab am meisten vor den fiesen Anstiegen, den kleinen Zacken im Profil. Aber viel schlimmer, Kräfte zehrender und schmerzhafter waren die Kopfsteinpflasterpassagen im Flachen und hinunter. Die sog. Kasseien haben es in sich und seit der Flandern-Rundfahrt habe ich noch tausend Mal mehr Respekt vor den Leistungen von Cancelara und Co., denn mir taten bereits bei 20kmh die Arme und Hände so weh, dass ich den Lenker am liebsten los gelassen hätte.

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wie die andauernden Schläge die letzten Körner aus einem saugen. Keine Mountainbike Abfahrt hat mich bisher so gefordert wie das 2,3km lange Stück Paddestraat in Belgien.

Fazit
Top Organisation. Top Topographie. Top Herausforderung. Wenn auch die Strecke vom Ambiente nicht mit schönen Mountainbike Touren mithalten kann, so ist ein Großteil der 140 Kilometer doch sehens- und vor allem fahrenswert. Wer bisher von deutschen RTF-Veranstaltungen abgeschreckt sich weigerte in Belgien zu fahren, den kann ich nur eine Teilnahme im nächsten Jahr empfehlen. Es herrscht einfach eine besonders positive Stimmung über die gesamte Distanz.

Nicht zu vergessen die Hilfsbereitschaft untereinander, denn ohne die drei Holländer hätte ich meinen TUNE Komm vor Sattel bestimmt nicht wieder fest bekommen, der sich durch die Kasseien von der Sattelstütze losgelöst hatte. An dieser Stelle noch einmal großen Dank an die Unbekannten, deren Startnummern ich leider vergessen habe.