Und auf einmal war die rot-weiße Fahne und alle waren Sieger. Gulbergen24-uurs bedeuteten für mich als Solostarter 24 Stunden schlaflos im Sattel. Und es ist mir geglückt mit Höhen aber auch Tiefen. Ein Erlebnisbericht. Teil 2: Mein Rennen.

Ich weigerte mich aufzugeben. 24 Stunden MTB Solo waren eine Erfahrung der ganz besonderen Art und am Ende viel schneller vorbei als erwartet. 320km, 3100hm, 20:22h auf der Strecke, 9901kcal, bei Temperaturen von 18 bis eisigen 3 Grad.

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Der Start: 13-16:30 Uhr
Gechillt ging es um 12:50 Uhr zum Start, der überschaubare Solostarter Startblock war bereits voll. 25 Fahrer standen herum, das Adrenalin der Hunderten Fahrer vor uns schwappte nicht über. Ich hatte eher ein mulmiges Gefühl. Angst machte sich breit. Herz rasen, selten erlebte ich einen Rennstart aufgeregter. Mit dem Startschuss begann die Hatz und der Puls schoss in die Höhe…166bpm waren so früh gar nicht vorgesehen, aber die Aufregung und so.

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Nach einem kurzen Stau zu Beginn der ersten Runde lief es dann gut an und ich konnte sofort Konstante Rundenzeiten fahren. Die Flaschenübergaben alle zwei Runden passten gut und ich fühlte mich bestens. Während der Dak van Brabant in jeder Runde mit Leichtigkeit erklommen wurde, hatte ich aber im zweiten Teil der Strecke extreme Probleme. Die engen Kurvenkombinationen lagen mir gar nicht und ich fand nur schwer in den Rhythmus.

Bereits jetzt fiel aber die überaus positive Stimmung im Fahrerfeld und an der Strecke auf. Obwohl zwei Rennen parallel liefen (es fand ebenfalls ein 6h Rennen statt, u.a. mit Olympiateilnehmer Bart Brentjes) gab es keinen Ärger, trotz der wenigen Überholmöglichkeiten auf dem zweiten, etwa 6km langen Stück der Runde. Überholungen wurden angekündigt und wenn gerade Platz machen nicht möglich war, wurde gewartet und ganz ohne Druck die nächst mögliche Situation abgepasst.

Während ich immer noch mental damit beschäftigt war auf der 6km Waldpassage einen Rhtymus zu finden, habe ich einen wesentlichen Bestandteil meiner Taktik vergessen: Die Nahrungsaufnahme. Wie ein Blitz schlug der Gedanke nach rund 3,5h ein.

Der Abend: 16:30-19:30 Uhr
Ein kurzer Schnack im vorbeifahren sorgte mehr für Verwirrung, so dass ich dann eine Runde später angehalten habe. Künftig war Nahrungsaufnahme bzw. deren Abgabe Betreuer Aufgabe und wurde mit viel Leidenschaft vollzogen, wenn auch nicht immer aus Rennfahrerperspektive gedacht wurde. Der 300gr Beutel mit klein geschnittenen Wassermelonen wäre zwar ein prima Picknick geworden, allerdings kam ich bei 300m Verpflegungsmöglichkeit nicht wirklich dazu in den Beutel zu greifen.

Von Runde zu Runde harmonierten wir im Team besser und alle waren gewillt mir bestmöglich zu helfen. Ein schönes Gefühl und im Nachgang auch sehr lustig zu reflektieren. Gerade im Hinblick auf weitere Rennen muss aber mein Ernöbrungskkonhept überarbeitet werden. Mich plagten seit Rennstart bis in den frühen Morgen ständig Magenschmerzen. Ich vermute, dass ich weder die richtigen Mengen noch die richtigen Bestandteile zur richtigen Zeit gegessen habe. Erst in den letzten sechs Stunden wurde es besser, allerdings gab es hier auch nur noch Riegel, Gels und Multipower Recharge.

Abgesehen von der Nahrungsaufnahme lief es aber bis zur ersten Pause perfekt. Ich fuhr nahezu Konstante Rundenzeiten und fühlte mich frisch.

Die schlimmste Zeit: 19:30-23:30 Uhr
Die Pause war angenehm. Ich wechselte die Klamotten und war mit Armlingen, Beinlingen und Windweste aufgewärmt. Es gab leckeren Brei, Kaffee und die Stimmung war gut. Die Monatage meiner Lampe verzögerte sich, weshalb ich bestimmt zu viel weiter snackte und die Bauchschmerzen kurzzeitig verstärkte.

Während alle arbeiteten könnte ich etwas in mich gehen. Ich war optimistisch für die kommenden Stunden und frohen Mutes bis 02 Uhr wie geplant durchzufahren. Aber bereits in der ersten Runde überkam mich der Kälteschock. Es kühlte sich mit dem Sonnenuntergang extrem schnell von 17 auf 4-5 Grad ab und ich begann mal wieder mit Ganzkörperzittern. Also direkt nach dem Stop noch ein Stop und die Windjacke drüber, half auch nicht. Also leiden. Extremes leiden.

Meine Rundenzeiten sanken um stellenweise 12-13 Minuten langsamer. Hauptsache in Bewegung dachte ich mir. Und rollte dahin. Aber es wurde immer schlimmer und schließlich waren sie da, die Gedanken an ein DNF zum Saisonabschluß. Ist doch egal, versuchte nächstes Jahr nochmal. Ach ne, einmal 24h aufgeben bedeutet, dass man es nie schafft. Ach komm, wird bestimmt dann weniger kalt sein. Mimimi. Das Kopfkino begann. Tina munterte mich beim Proteinshake kurzzeitig auf und wir entschieden Stopp2 vorzuziehen. Die beste Entscheidung.

Ich weigere mich aufzugeben: 23:30-04:00 Uhr
In der zweiten Pause hätte ich weinen können. Enttäuschung, Demotivation, Frustration alles kam über mich. Dank Tina hatte ich leckeren Kaffee und genau die richtige Mischung aus Schweigen und Aufmunterung. Und wenn du denkst, du kannst nicht mehr, dann kommt von irgendwo der Martin daher. „Keep on fighting“ und die Erinnerung an sich zu glauben haben mich mental wieder aufgebaut. In die Spur geschubst. Ich weigere mich aufzugeben.

So zog ich mich ins Auto zurück, zog Windstopperunterhemd und Winterjacke an, sowie Wintersocken, Überschuhe und Überhose. Alles was ich hatte. Und gerade fertig kam Tina noch mit Ohrhörern an und von nun an fluppte es wieder.

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Mit einem Lächeln im Gesicht trotze ich der Kälte und den widrigen Umständen der Nacht bei 3 Grad. Und mit den Hits im Ohr kurbelten die Beine auch immer besser.

Von Platz 18 hatte ich mich zwischenzeitlich auf Platz 13 nach vorne geschoben.

Ab jetzt wird alles gut: 04:00-08:00 Uhr
Da ich mir von 23:30 bis 08 Uhr keine Durchfahrt vorstellen könnte, entschieden wir gegen 04 Uhr in der früh noch einmal Pause machen. Ich wünschte mir irgendwann Kartoffeln, die ich auch bekam. Kartoffeln um 04 Uhr mit Kaffee. Toll!

Die Stimmung war in der Pause gut, das gröbste lag hinter uns. Auch Tina hatte in der Nacht zu kämpfen, doch gemeinsam war uns jetzt langsam bewusst, dass es ein positives Ende nehmen wird. Immerhin lagen nun 15 Stunden hinter uns.

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Der Stint selbst bis in den Morgen verlief dann kurzweilig. Die Musik hielt mich bei Laune und mit jeder heller werdenden Runde fühlte ich mich besser. Generell war die Zeit ab 04 Uhr für mich weniger ein Problem, ich merkte deutlich das dies meine Zeit war.

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Schlußspurt: 08:00-13:15 Uhr
Um kurz vor acht wollte ich dann frühstücken. Halva, Reiswaffeln und Feigen; Breakfast Deluxe. Mein beiden Hasis kamen pünktlich ins Fahrerlager zurück und gaben mir die letzten Motivationsstränge. Die Sonne schien und die Stimmung perfekt für die letzten fünf Stunden.

Ich merkte jetzt deutlich, dass ich zulegen konnte. Meine Rundenzeiten lagen wieder bei rund 30 Minuten. Leider verwirrte mich mein Team in der Runde nach dem Stopp völlig. Während ich knapp 20h lang von der rechten Seite Flaschen erhalten habe, standen die Lambertz Sisters nun links. In einem Matschekopf wie meinen gar nicht realisierbar. Also ohne Flasche weiter, dabei wollte ich sogar noch mitteilen, dass nächste Runde Umziehen angesagt ist.

Der Abstand zu Platz 12 reduzierte sich. Und ich konnte zulegen. Die Pause zum Umziehen könnten wir in 4 Minuten durchziehen und ordentlich Warmup Gel auf die Haut. Weiter gings. Und die Flaschen flogen jetzt im hohen Bogen Runde für Runde.

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Die letzten zwei der drei Rebnstunden verbrachte ich mit einem 4h Rennfahrer, die morgens um acht Uhr das dritte Rennen des Events bestritten.

Meine Hochrechnung lag nun bei 43 Runden, wenn ich weiterhin deutlich unter 30min bleiben würde. Was ich dann auch so umsetzen konnte. Platz 12 hatte ich ebenso sicher (vier Runden vor) und auf einmal war sogar Platz 11 möglich. Hammer.

Und dann war es auch kurz vor eins und ich durfte in die letzte Runde. Ich musste beim letzten Anstieg dann Dichterinnen Freudenträne rauslassen, ein 24h Rennen ist dann doch eine sehr emotionale Angelegenheit. Mit Gänsehaut in den letzten Downhill und im Wiegetritt die letzte Rampe hoch und im Wald dann auf Sicherheit bis zum Eventgelände. Nach der Festzeltdurchfahrt konnte ich dann mit meiner Tochter über die Ziellinie rollen. Ein Traum wurde war.

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Während meine Tochter sich ums Rad und meine Brille kümmerte, wurde mir in Windeseile noch eine Pommes besorgt und der Erfolg direkt hinter der Ziellinie gebührend gefeiert.

Ein rundum gelungenes Event. So viel Herzblut bei den Veranstalter, so viele nette Menschen und überall strahlende Gesichter. Ein überaus gelungener Saisonausklang für mich wie für die meisten anderen Fahrer ebenso.

U.a. auch Moni und Frank, die 24h-Cracks aus Niedersachsen. Schön euch persönlich kennengelernt zu haben und vielen Dank für euren lesenswerten Bericht. Sowie dem Festhalten des schönsten Sonnenaufgangs 2015:

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Ps: Ich kann dieses Rennen uneingeschränkt weiter empfehlen. Bei 35€ Startgeld pro Person ist das Preis- Leistungsverhältnis im Gegensatz zu deutschen Events unschlagbar. Also:

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Fotos von Tina Lambertz, Jenni Lambertz, Connie Sinteur und vom Radlblog.