Am Dienstag war es mal wieder so weit, ich habe bekannte Wege verlassen und mich in einem neuen Terrain bewegt und dabei tolle Erfahrungen gemacht. Durch das Bergische ist dabei wörtlich zu nehmen, denn auf den Spuren der Nordbahn habe ich mich, wie die Züge früher, in einem System aus Tunneln und seicht ansteigenden Wegen bewegt. Ein Traum!

Trainingscamp @ Home ist so ne Sache. Der Fokus liegt natürlich nicht so 100% auf dem Sport, als bei einem Trainingslager im Süden. Das Wetter, die fehlenden landschaftlichen Reize, kein Fernweh… Aber man kann das beste aus der Situation machen und sich mit dem zu Hause arrangieren und hier neue Wege gehen, in dem man weiter, höher, länger… trainiert. Neue Reize für lange Ausdauereinheiten stellen dabei immer wieder neue Umgebungen dar. Wie am Dienstag.

mein_trainingstagebuch

Auf Twitter fragte ich nach Streckenideen, um aus Erkelenz Richtung Kamen möglichst ohne Durchquerung von Großstädten zu gelangen. Mir wurde das Trassensystem im Bergischen empfohlen und alleine das Gefühl sich mit dem Rennrad wie ein Zug zu fühlen, weckte mein Interesse und die Planung begann. Komoot war mir hier eine große Hilfe und so gestaltet sich der Track recht fix: Von Erkelenz über bekannte Wege nach Grevenbroich und weiter über Neuss zum Rhein, hier weiter südlich auf die andere Rheinseite und dann über Haan nach Wuppertal und dann den Diesel laufen lassen bis Witten bis zur Ruhr. Anschließend wollte ich den Ruhrtalweg aus Tradition folgen und ab Schwerte über die Dörfer nach Kamen, um Dortmund nicht zu durchfahren. Es kam am Ende anders aber es wurde das erhoffte Highlight mit einer Vielzahl an Sinneseindrücken. 162,5km standen am Ende auf der Uhr, die geplanten 150km habe ich etwas übertroffen und mit einer Fahrzeit von knapp sechs Stunden hatte ich alle Trainingsziele des Tages erfüllt.

Eine Brücke übern Rhein

Bis zum Rhein war alles unspektakulär und streckentechnisch bekannt. Ich startete gut und die Beine fühlten sich trotz der Belastung aus den Vortagen butterweich an, immerhin war es Tag 5 auf dem Rad. Mit Rückenwind ging es vorbei an Schloss Dyk und Grevenbroich bis nach Neuss. Ein Rapsodie Paradies so weit das Auge reichte.

In Neuss dann der Schock, der Rhein vor der Brille aber keine Brücke in Sicht. Und die Fähre, auf die Komoot wohl bei der Planung zurückgriff, gab es auch nicht. Dank iPhone und Flexibilität ging es dann zur nächsten Brücke. Zwischendrin kam der Mountainbiker in mir durch, der auch auf dem Rennrad nicht asphaltierte Wege fahren mag. Parallel zur Autobahn ging es dann übern den Rhein und durch Düsseldorf Benrath. Uhhh, was war da ein schönes Schloss. Und die Fotos sind für eine Vorbeifahrt bei Tempo 30kmh auch zufriedenstellend geworden.

Kurz darauf wurde es dann etwas anstrengender, denn ein langes Elend (5km, 2%) wartete auf mich hinauf nach Hilden, kurz bevor ich dann die Nordbahntrasse erreichte.

Durch das Bergische

Die Nordbahntrasse war dann ein Genuss. Nach 75km erreichte die Korkenzieherstraße und fand mich von an für 25km auf durchgängig asphaltierten, autofreien, ehemaligen Bahngleisen. Inklusive Bahnhofsschildern, stillgelegten Bahnhöfen und Tunneln. Eisenbahntunneln. Ganz schön unheimliches Gefühl durch diese düsteren mehrere hundert Meter langen Schächte zu fahren, zumal nur eine der beiden Röhren ausgebaut ist und die stillgelegte zweite Seite mit Gucklöchern versehen ist. Huaghs.

Stillgelegter Bahnhof auf der Nordbahntrasse

Stillgelegter Bahnhof auf der Nordbahntrasse

Der Weg war mäßig frequentiert aber die Atmosphäre auf dem Weg durchweg freundlich. Es wurde gegrüßt und Platz gemacht, die Straße gehört eben allen. Schade, dass man dies so betonen muss aber leider ist das eigentlich Selbstverständliche gar nicht mehr so selbstverständlich.

Bei km90 oder so unterlief mir ein folgenschwerer Fehler, statt meinem Track nach Witten zu folgen bog ich links Richtung Hattingen ab. Hattingen kommt ja nach Witten und ist doch dann kürzer, war mein Gedanke. Gar nicht so falsch aber nur, wenn man zurück ins Ruhrgebiet fährt und nicht in die andere Richtung, wie ich es wollte. Mit knapp 24min für die 13km lange Trasse von Wuppertal nach Hattingen war ich gut unterwegs und als ich den Fehler erkannte, war es dann auch zu spät zum Umkehren.

Der letzte Abschnitt kurz hinter dem Schee-Tunnel bis Haltungen war dann durchweg nicht asphaltiert aber gut geschottert, so dass man auch mit dem Rennrad die Strecke sehr gut bewältigen konnte. Ich bin mit meinen 28mm Schwalbe One Reifen in dieser Hinsicht sowieso völlig schmerzfrei, kaputt kriege ich die Reifen bislang nicht.

Ins Ruhrtal

In Hattingen angekommen kam mir alles wohltuend bekannt vor. Da bist du 110km unterwegs und kennst dich auf einmal wieder aus. Weißt wie wurzelig der Ruhrtalweg stellenweise ist, kennst noch einzelne Kurvenkombinationen und es machte einfach tierischen Spaß. Bis nach Witten begleitete ich die Ruhr, um dann nicht weiter über Wetter nach Schwerte zu fahren sondern durch Dortmund nach Kamen abzukürzen. Abzukürzen heißt in diesem Fall aber generell schon 10km länger zu fahren als ursprünglich geplant. Entlang der Ruhr zurück zum Track hätten weitere 15km Umweg bedeutet und die Zeit fehlte mir dafür einfach.

Die Kilometer an der Ruhr waren wirklich schön, wenn auch der Ruhrtalradweg in diesem Bereich weniger Rennrad freundlich ist. Er ist stellenweise sehr schmal und die Asphaltdecke ist aufgrund vieler Baumwurzeln am Uferand sehr hubbelig. Dafür ist man in einer grünen Oase unterwegs, obwohl man sich Mitten im grauen Ruhrgebiet befindet.

Ab Witten folgte ich dann erst kurzzeitig eine Bundesstraße, um dann in Dortmund ebenfalls wieder viele Kilometer auf einer Bahntrasse zu verbringen. Leider war die Trasse weit weniger gut in Schuss, genauso wie der Weg von Wuppertal nach Hattingen nicht asphaltiert aber deutlich mehr Kanten, Risse und Unebenheiten. Vielleicht steckte mein Rücken die Schläge nach 5 Stunden auch nicht mehr so gut weg, ich weiß es nicht.

Irgendwann kam dann dass, was kommen musste. Ich durchquerte Dortmund.Weil ich den Komoot Track verlassen hatte, navigierte ich der Garmin Edge 1000 persönlich durch Dortmund. Ich hatte alle Highlights dabei; Westfalenstadion, Borsigplatz und Hauptbahnhof (Innenstadt), sehr zu Ungunsten meines Fahrrhythmus. Das Stop&Go nervte mich sehr aber hinter Dortmund sorgte das Lanstroper Ei noch einmal für freie Fahrt und schöne Aussicht, so dass ich am Ende völlig zufrieden bei Mama zum Geburtstag ankam. ;D

Fazit

Die Nordbahntrasse kann ich jedem Fahrradfreund empfehlen. Es ist ein tolles Gefühl die alten Bahnstrecken abzufahren und zum Teil sind an den stillgelegten Bahnhöfen schöne, einladende Cafés entstanden. Über Hattingen bis Witten und dann eine weitere Trasse nach Wuppertal zurück folgend hat man auch schnell einen schönen Rundkurs bei der Hand.

Viel Input und Ideen liefern die beiden Seite der Region, Bahntrassenradeln ist nicht ganz aktuell aber sehr umfangreich. Nordbahntrasse-aktiv ist etwas aktueller aber bietet dafür mehr Informationen über die Nordbahntrasse und weniger über das allgemeine Bahntrassen-Netz.

Der Ruhrtalradweg von Duisburg bis zum Kahlen Asten, den ich von Hattingen bis Witten folgte sollte ebenso als Fahrradfahrer mal erkundet werden. Es lohnt sich, insbesondere weil das Ruhrgebietscharme nie ganz verloren geht.

Zu guterletzt kann man durch Dortmund besser Radfahrer als ich angenommen hätte. Mit etwas besserer Planung hätte man die Stop&Go Abschnitte bestimmt besser gestalten können.

Insgesamt bin ich mit der Tour, den Eindrücken und meiner persönlichen Form sehr zufrieden. Trotz eher dürftigen Mai-Wetters kann man also auch zu Hause seine Trainingsreize setzen und das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Dank meines Hasis konnte ich dann bei meiner Mama selbstgemachte Buchweizen-Peaprotein Pfannkuchen essen und den restlichen Tag prima regenerieren – wie im Trainingslager.