Seit mehreren Wochen häufen sich die Schmähungen gegen elektronische (oder elektronisch unterstütze) Fahrräder, sog. E-Bikes, in meiner Timeline und mir steht manchmal das blanke Entsetzen im Gesicht geschrieben mit wieviel Hass, Neid und Missgunst gegen FahrerInnen von E-Bikes argumentiert wird.

Der in einer Facebook Gruppe geteilte Comic von Perscheid (siehe Screenshot) ist dabei weder Höhepunkt noch Einzelfall in der Diskriminierung von E-Bike FahrerInnen. Es werden weder die erzielten Leistungen anerkannt, noch die unterschiedlichsten (und zum teil sehr nachvollziehbaren) Bewegründe zur Nutzung der E-Bikes anerkannt. Zu guterletzt setzt das verquere Schönheitsideal eines – möglichst – schlanken Körpers der ganzen Diskussion am Stammtisch die Krone auf.

Es ist schon eine extreme Doppelmoral notwendig, wenn der übergewichtige Radsportler seiner Leistung (nennen wir sie der Einfachheit mal 100 Watt) mehr Anerkennung zukommen lässt, als der Leistung eines normalgewichtigen E-Bike Fahrers (nennen wir sie der Einfachheit auch mal 100 Watt).

Perscheid Comic, veröffentlicht in der Facebook Gruppe „Rennrad – und trotzdem Spaß“ (Quelle: Screenshot Facebook, 23.04.2017)

E-Bike wie Doping? Keine Leistung notwendig?

Die Diskussion rund um das Thema E-Bike ist vergleichbar mit der Doping Diskussion. Beim Thema Doping muss man nichts schön reden, letztendlich wird dabei aber oftmals vergessen zu erwähnen, dass die umgedopte Leistung der Athleten nicht weniger schlecht ausfallen würde und das Maß von Hobbysportlern um ein Vielfaches übersteigt.

Die unterschiedlichsten Gründe führen zum dopen, letztendlich auch weil Radsportler ihren Lebensunterhalt mit Radsport verdienen müssen und nun einmal Leistung alles ist, was zählt. Wenn ich jetzt meine Leistung an der Schwelle um – sagen wir – 5% verbessern kann, dann sprechen wir von 25, 30 vielleicht 40 Watt mehr, die über Sieg oder Niederlage und Doping oder nicht Doping entscheiden. Aber die 450-500 Watt, die der Athlet auch ohne Doping treten kann, die sind Resultat harter Arbeit und Fundament seiner Leistung.

Und genauso ist es beim E-Bike. Die Sportler haben eine Grundkondition und nutzen die anderen Möglichkeiten eines E-Bikes, um weiter/schneller/höher zu fahren. Und nun? Trotzdem bringen sie eine Leistung. Investieren Zeit in unser aller Hobby und genießen höchstwahrscheinlich die Zeit in der Natur genauso wie Ottonormal-Biker.

Letztendlich bleiben 100 Watt, 100 Watt. Die Leistung muss der/die SportlerIn von alleine bringen. Und wenns mit dem E-Bike mehr Spaß macht, weil vielleicht der 24er Schnitt auf dem Rennrad zu langsam erscheint und man mehr möchte, so warum nicht?

Und Argumente wie „die machen den Wald“ kaputt (E-MTB) oder „die rasen wie die Irren“ lasse ich nicht gelten, denn Menschen die unseren Sport ausüben und sich daneben benehmen gibt es auch unmotorisiert Zuviele.

Außerdem glaube ich auch nicht, dass es dazu bereits repräsentative Ergebnisse gibt, die einen Zusammenhang zwischen E-Bike fahren und erhöhter Risikobereitschaft oder schlechtere Verkehrsteilnahmen sehen.

Warum also nicht einfach mal die Leistung des Kollegen mit E-Bike anerkennen und sagen „Toll gemacht“?

Bewegung ist immer besser als keine Bewegung

Ich bin mir auch nicht sicher, was ich davon halten soll, wenn ich Fotos von Radsportlern in Rennanzügen sehe, die mit dem Auto über Rennstrecken heizen und die Umwelt verpesten und von ihren Fans gefeiert werden. Die Fans, die dann den E-Bike FahrerInnen im Internet beleidigen.

Dann doch lieber umweltfreundlich bewegen, meinetwegen mit E-Motor aber straight zum Wohle des Umweltschutzes und nicht doppelmoralisch „frei von Hilfsmitteln“ den Sport ausüben und dann Zugucken und Abfeiern wie das Benzin einfach so verbannt wird.

Ich freue mich über jeden neuen Menschen, der die Liebe zum Radfahren teilt. Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung und ist gut für die eigene körperliche wie psychische Gesundheit.

Schönheitsideal für die Tonne

Zuletzt aber nicht als Letztes empfinde ich das Schönheitsideal hinter der Diskussion als Spitze des Eisbergs.

Warum man E-Biker direkt als „dick“, „bewegungsfaul“ und „übergewichtig“ einstuft ist mir völlig fremd. Und wenn? Wo ist das Problem? Warum muss es immer rank und schlank sein? Dürfen Übergewichtige kein Sport machen? Müssen sie sich verstecken?

Bezogen auf den Comic von Perscheid, der Auslöser meines Artikels ist, ist die obligatorische Chipstüte natürlich das negativ Highlight. Während für schlanke Hochleistungssportlern das Konsumieren von flüssigen Zucker (auch bei 30min Training… sic!) normal ist, wird der „dicke, bewegungsfaule, [nichtsnützige]“ E-Biker mit einer Chipstüte assoziiert. Und das nicht nur im Comic.

Um ungesund zu leben, bedarf es kein E-Bike. Das bekommen auch andere Radsportler gut hin. Noch besser Menschen, die gar kein Sport machen.

Aber warum jetzt E-Bike Fahrer per Se dicker und ungesünder sein sollen als andere erschließt sich mir nicht.

Fazit

Gönnt doch mal! Gönnt doch mal Menschen ihren Spaß! Ohne Neid auf Sandkasten Niveau wie bei dem Argument „der klaut mir aber meinen *KOM auf Strava – unfair!“, ohne Unterstellungen und Behauptungen, die gar nicht überprüft werde können.

Und vor allem probiert doch selbst erst einmal aus, bevor ihr einfach pauschal und ahnungslos verurteilt. Pauschal und ahnungslos verurteilen ist nämlich in Deutschland grundsätzlich beliebter als jemand anderen etwas zu gönnen. Das prangere ich am Meisten an!

Meine Meinung
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