Aus dem Peloton für das Peloton. Die Autobiographie Domestik von Charly Wegelius beschreibt das wahre Leben eines ganz normalen Radprofis, relativiert das Spektakel der glamourösen Radrennen und zeigt den modernen Radsport so wie er wirklich ist.

Lange hat mich eine Radsport Autobiographie nicht mehr so gefesselt wie die Geschichte von Charly Wegelius. Domestik (Achtung, Amazon Partnerlink) ist nicht geschönt, nimmt kein Blatt vor den Mund und wirkt auf mich sehr authentisch.

Auf der einen Seite erfährt man in dem Buch, was den Reiz eines Profiradsportler ausmacht. Auf der nächsten Seite aber auch gleichzeitig, warum der Profiradsport nach innen weniger Spektakel und viel mehr ein alltäglicher Kampf mit sich und auch seinen Teamgefährten ist. Der Leser erfährt wie man sich für den Sport, das neue Team und die Kollegen verbiegen muss.

Interessant ist auch die Beurteilung anderer Radsportler und ihrer Rollen im Peloton. So empfindet Wegelius Danilo di Luca als authentischeren Kapitätn, für den er sich mehr verausgabt hat als Cadel Evans mit dem er nie wirklich warm wurde. Di Luca, der aufgrund mehrerer Dopingvergehen lebenslang gesperrt wurde, war der bessere Teamplayer und verstand es, so Wegelius, anders als Evans die Mannschaft zu motivieren und durch seine humorvolle Art jene Art von Respekt zu erlangen, die Evans verwehrt wurde.


Dabei beschönigt oder relativiert Wegelius Doping in keinsterweise, sondern bietet – vielleicht ungewollt – einen weiteren Erklärungsansatz, warum so wenige saubere Fahrer sich öffentlich gegen gedopte Fahrer gestellt haben. Jeder Fahrer denkt in erster Linie an sich und seine eigene Karriere und möchte im Peloton seinen hart erarbeiteten Platz nicht durch öffentliche Anprangerung anderer Fahrer aufgeben. Und nicht zuletzt war es Di Luca, der bei Liquigas für eine ordentliche Gehaltserhöhung für Wegelius sorgte, nachdem sich dieser als Domestik und Edelhelfer mehr als bewährte. Das System Radsport krankt eben von innen und jeder Fahrer ist ein Teil dieses Kreislaufs.

Gefallen haben mir auch die kurzweiligen Anekdoten zu verschiedenen Rennen, wie zum Beispiel die Zeilen zur vierten Etappe der Vuelta Aragon 2005 (S. 185/186). Wegelius erkundete vor dem Bergzeitfahren die Strecke, jedoch wurde er auf dem Rückweg im Teamauto mit einem Betreuer von einem spanischen Polizisten angehalten, der die Weiterfahrt auf der bereits gesperrten Strecke nicht erlaubte. Warum der Polizist sich so verhielt, als hätte Franco persönlich die Straßensperre angeordnet und warum Wegelius im strömenden Regen und im Trainingsanzug mit dem Rad hinunter zum Start rollte, könnt ihr dann selbst nachlesen. Es lohnt sich.

Domestik von Charly Wegelius; die deutsche Übersetzung ist im Juli 2015 im Covadonga Verlag erschienen. 16,80 Euro, 304 Seiten, ISBN 978-3-95726-005-5.

Klappentext: Ein packender Tatsachenbericht aus dem Herzen des Pelotons: So leben und ticken Radprofis wirklich.
»Mein Name ist Charly Wegelius. Ich war elf Jahre lang Radprofi und nahm an den härtesten und berühmtesten Rennen der Welt teil. Ich fuhr in Diensten absoluter Spitzenmannschaften und besaß schließlich sogar einen gut dotierten Vertrag. Ich lernte, im Dienste meiner Mannschaft unglaubliche Schmerzen auf mich zu nehmen und buchstäblich das Letzte aus mir herauszuholen, aber ich gewann nie auch nur ein einziges Rennen. Ich war nur ein bezahltes Arbeitstier, ein Wasserträger, ein Domestik … Vergessen Sie die glamourösen, bunten Bilder von der Tour de France. Willkommen im wahren, brutal harten, schaurig-schönen Leben eines ganz normalen Radprofis.« Unzensiert, hautnah am Geschehen und ungeheuer mitreißend erzählt Charly Wegelius aus dem Herzen des Pelotons: Freuen Sie sich auf eine Milieustudie, die den modernen Profiradsport zeigt, wie er wirklich ist.