Ich bin beim 24h Race München das Rennen meines Lebens gefahren. Die Überschrift klingt ergriffen vielleicht etwas theatralisch oder vielleicht pathetisch. Aber die Überschrift bringt mein Rennen beim bike 24h race München auf den Punkt. Auf dem Punkt und im Fokus mit voller Konzentration fuhr ich in München, auch Dank eines perfekten Teams im Hintergrund, auf den fünften – beinahe dritten – Platz und habe alle meine persönlichen Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen. Ich fuhr das Rennen meines Lebens.

Auch wenn ich noch immer dem Ergebnis hinterher weinen könnte, was ich am Ende vielleicht zu leichtfertig verspielt habe, habe ich eine nie für möglich gehaltene Leistung erbracht. Eine Leistung mit der ich selbst nach über 20 Stunden Rennzeit nicht gerechnet habe. Ich habe mental einen Kampf ausgefochten, bin emotional im wahrsten Sinne durch ein Wechselbad der Gefühle gefahren und habe am Ende mehr erreicht als ich mir jemals erträumt habe und hadere trotzdem mit einem Gefühl, dass nach Niederlage schmeckt. Aber der Reihe nach.

Alles über den Aufbau des Fahrerlagers und eine Vorstellung meines Teams, auf dass ich sowas von stolz bin, könnt ihr hier und hier nachlesen. Ansgar hat sich leider nicht in der Teamvorstellung selbst vorgestellt, aber Ansgar darf man nicht vergessen und war ebenso fester Bestandteil des Teams. Dazu später mehr.

24h Race München: Die Ruhe vor dem Sturm

Was habe ich eine rücksichtsvolle Freund ein liebevolles Kind, die mich am Freitag und Samstag morgen mein Ding haben machen lassen. Die da waren, wo ich sie brauchte und weg waren, als ich meine Ruhe benötigt habe. Nach dem gemeinsamen Aufbau am Freitag vormittag hatte ich Zeit für mich. Zeit für meine Gefühle. Ich war aufgeregt, selten war ich mehr aufgeregt. Gleichzeitig war ich aber selten überzeugter, dass ich auf dem Punkt da sein werde.

Am Samstag morgen konnte ich nicht früh genug zurück ins Fahrerlager gehen. Die Zeit mit Kopfhörer auf dem Ohr und Beats von Punkrock, Reggae bis hin zu Transalp 2015 Playlist ergriff mich emotional. Musik macht lebendig und entspannt gleichzeitig.

Als Jenni, meine Tochter und Sandra dann fast zeitgleich erschienen, rannte die Zeit förmlich Richtung Start. Sandra nahm mir die Teamleiterbesprechung ab, Jenni brühte mir einen letzten Kaffee und mein Pups nahm mir die Aufregung und sorgte für Aufheiterung. Selbst sie spürte, dass irgendetwas anders ist.

Zum Start begleitete mich Jenni, auch wenn mir nicht mehr nach reden war, war das unwahrscheinlich wichtig. Und dann ging es auch los.

24h Race München: Die Startphase

Anders als geplant drückte ich zu Beginn des Rennes ordentlich aufs Gas. Mit Puls 180bpm und über 450 Watt ging es in den ersten Anstieg, kann man mal machen. Sind ja nur noch 23 Stunden zu fahren… Witzigerweise sollte ich im gesamten Rennverlauf höchstens 16 Sekunden auf meine ersten Zeiten im Rennen verlieren. Gar nicht so übel gepaced,

Wir, die knapp 80 Einzelstarter des bike 24 race München, starteten zuerst und hinter uns dann die anderen knapp 750 Fahrer formiert in 2er, 4er und 8er Teams. Ziemlich schnell liefen diese auf uns auf, es war ziemlich voll auf der Strecke und die Hektik in den ersten Stunden mit verantwortlich für den hohen Puls. Ich blendete diesen auch aus und fuhr konsequent nach Watt. In der Ebene um 150-190 Watt und an den Rampen versuchte ich unter 450 Watt zu bleiben. So kam ich relativ konstant über den Kurs.

Große Hektik zu Beginn des Rennens. (C) Sportograf

Große Hektik zu Beginn des Rennens. (C) Sportograf

Die Rennhektik der ersten drei bis vier Stunden war extrem. Es war absolut nicht nachvollziehbar für mich das Geschehen irgendwie einzuordnen. Ich war sehr konstant unterwegs, die Wattzahlen sagten auch vom Tempo sehr sehr ordentlich. Der Puls sagte weiterhin in diesem Tempo wirst du nicht einmal sechs Stunden fahren können. Dazu die Hitze und die Angst zu Dehydrieren, hier hatte wir aber vorgesorgt und entsprechend noch vor dem Rennen die Trinkstrategie geändert.

Ich bekam quasi jede Runde eine Flasche gereicht und nutzte das Angebot mindestens jede zweite Runde. Nach den ersten Gels bekam ich Hunger und aß zwei Protein Riegel von High5 (Roh, vegan), die mir nochmal einen Kick gaben aber gleichzeitig die letzten waren, fortan gab es auf der Strecke Trinkflaschen und Gels. No more, no less.

Ein Baum, eine Biene und ein fataler Fehler

Die erste Anekdote hatte ich bis hierhin erlebt. Da mir die Strecke gänzlich unbekannt war, entschied ich mich für die dunkelste Brille aufgrund der starken Sonne. Eigentlich auch die beste Entscheidung, denn es war sehr sehr hell. Bis auf im Wald! Und so geschah es, dass ich in Runde 3 oder vielleicht 4 nach dem Wurzelteppich frontal gegen einen Baum gefahren bin. Blöderweise sogar ziemlich genau da, wo ich dann 20 Stunden später abgedrängt werden sollte… Ich hab dem Wald scheinbar vor lauter Bäumen nicht gesehen. Eine kleine schramme am Schienbein und das wars. Also weiter.

Eine halbe Runde später spürte ich am Olympiasee einen stechenden Schmerz an der Lippe. Das war wohl eine Biene und kurzzeitig habe ich wirklich gedacht, jetzt ist schon alles vorbei. Aber zum Glück zeigte mein Körper keine Reaktion. Ich teilte noch kurz meiner Crew mit, was passiert ist. Die machten sich offensichtlich größere Sorgen als ich vermitteln wollte, denn ich fand diese Minuten eher skurril witzig und war zu diesem Zeitpunkt einfach gut gelaunt.

Irgendwann schloß ich auf Tino Brüchner (Rsv Stuttgart Vaihingen) auf und wir fuhren gemeinsam einige Runden. Wir ergänzten uns prima, denn Tino drückte in der Ebene stärker, während ich am Berg überlegen war.

Tino fuhr im Downhill immer eine andere Linie und überholte mich, wir tauschten uns kurz auf und der Plan war in der folgenden Runde hinter Tino herzufahren. Es war einige der wenigen Runden, wo man mit freier Fahrt in den letzten Downhill der Piste Brettern konnte. Tino war, so war seine spätere Selbsteinschätzung, etwas übermütig und ging beim einlenken in das Steilstück über den Lenker. Das sah gar nicht gut aus, Timo signalisierte aber weiterfahren ihm ist nichts passiert.

Ich informierte wenig später seine Crew, leider war das Rennen für Timo danach etwas anders und er musste lange kämpfen, um zurück in die Top10 zu kommen. Als 9. beendete er das Rennen, meine Glückwünsche! Die Haut hat bestimmt gelitten.

Besonders nett war es, dass mich fortan die Crew von Tino fast pausenlos anfeuerte, wenn ich am Ende der langen Gerade am Olympiastadion vorbei kam. Danke, dass war Klasse!

24h Race München: Die erste Pause

Das Rennen lief für mich weiterhin ausgezeichnet ohne das ich mir eine Position ausmalen konnte. Ich vermutete etwas in den Top20. Nach 5h begannen meine Mitstreiter langsam zu den ersten Pausen anzuhalten. Laut unserem Zeitplan war meine Pause für nach 6-7h angesetzt und ich fühlte mich danach, dies umzusetzen.

Mit Florian Schmitz verlor ich dann einen treuen Begleiter, der nach seiner Pause langsam an Boden verlor. Es hätte mir auch zu denken geben müssen, dass er mich hat mehrere Runden in Folge die Führungsarbeit hat leisten lassen. Es ging eben nicht mehr für ihn, aber Florian hatte auch viel weniger Trainingskilometer und fuhr am Ende auf einen für ihn super zufriedenstellenden 7. Rang.

Um ca. sieben Uhr ging es dann in die Pause. 5min sagte meine aktuelle Rundunzeit und ich informierte Sandra, dass die Uhr nicht auf über 25min ticken darf. Sie achtete fortan darauf, dass ich nicht zu lange ruhte. Mir kam die Pause wie eine Ewigkeit vor, letztendlich war ich aber echt fix wieder im Sattel.

Es gab einen leckeren Kaffee, soviel Datteln wie runter gingen und 60gr Jentschura Morgenstund. Im Gegensatz zu Gulbergen24-uurs war meine Ernährungsstrategie perfekt. Denn mein Körper sollte alles verstoffwechseln. Abgesehen von drei Pinkelpausen musste ich keine Notdurft entrichten.

Mit noch vier Minuten Zeit auf der Uhr konnte ich noch in Ruhe das Baby knuddeln und mit Ansgar telefonieren. An das Gespräch kann ich mich nicht erinnern. Mental war ich extrem auf das Rennen fokussiert, was mir jetzt erst deutlich wird.

Auf meine Nachfrage, wo ich stehe, verstummte es etwas. Irgendwie wollte keiner mit der Sprache rausrücken und dann endlich… (ich dachte in dem Augenblick, dass ich so ziemlich weit hinten stehe) sagte Sandra relativ entspannt 5. Bitte was? Alter, 5.? Ich muss aufs Rad! Krass. Unfassbarer Gefühlsausbruch in mir, den ich mit Mühe unterdrücken konnte.

Ich verabschiedete noch Jenni und unseren Pups und stieg wieder aufs Rad. Next stop: 21:30 oder wenn es dunkel wird zur Lichtmontage.

5. Platz und Daniel spürt erstmals Druck

Die erste Runde war ein völliger Adrenalin Rausch. Alles war wie gelockert und ich schwebte über den Kurs. Und dann? Plötzlich überkamen mir Zweifel. Habe ich soeben 5 Plätze verloren? Auf einmal war jeder, der mich auf dem Kurs überholte ein Solofahrer. Ein schnellerer Solofahrer. Ich hatte das Gefühl vollständig die Kontrolle zu verlieren und sah mich Platz um Platz verlieren. Gefühlt fiel ich auf Platz 20 zurück, obwohl meine Rundenzeiten konstant gut waren.

Der befürchtete Einbruch zu meiner normalen Schlafenszeit von 21:30 Uhr blieb aus. Ich war stärker als in Gulbergen. Die 200km Marke erreichte ich aus diesem Grund auch noch innerhalb der ersten zehn Rennstunden, trotz der Pause.

Ich suchte immer wieder Kontakt zur Crew, wollte meinen Vorsprung wissen. Aber wir hatten alles besprochen außer eben Zeiten zu lesen. Gerade bei 24h Rennen ist die Zeitanzeige auf den Monitoren gar nicht so leicht zu interpretieren und Ansgar hatte aus der Ferne Probleme zu helfen, gab es im Internet wohl nur rudimentäre Aktualisierungen alle paar Stunden. Also rannte Sandra immer wieder aus dem Fahrerlager die Treppe im Stadion nach oben zum Start/Ziel Bereich, fotografierte die Ergebnisliste und schickte sie Ansgar.

Und obwohl ich auch nach vier weiteren Runden weiterhin 5. war (ohne das man mir eine Vorsprung nennen konnte) kam das Selbstvertrauen nicht zurück. Ihr glaubt gar nicht, wieviel Druck auf einmal auf einem Lasten kann, wenn man seine eigenen Ziele so übersteigt und um Positionen kämpft, die man sich höchstens erträumt hat.

Treten wie eine Maschine. Alles andere ausblenden

Während mein Körper im Maschinenmodus lief, versuchte ich mental die Wogen zu glätten. Es halfen keine Position Botschaften, solang ich mein Selbstvertrauen nicht zurück gewinne. Also versuchte ich den Druck abbzubauen und wollte nur noch den Abstand zur Top 10 wissen. Das war der Anfang der Verbesserung und die Abstände beruhigten mich.

Im Nachhinein wirkt das ganze eher skurril auf mich. War die Top 10 das große Ziel des Rennens, verschob sich das bereits während der ersten 10 Stunden zum Minimalziel. Es war quasi das Minimum, was ich in der langen Nacht verteidigen wollte.

Kurz nach 21 Uhr wurde aus der Dämmerung ziemlich rasch Dunkelheit. Ich kündigte Sandra den Lampenwechsel in der nächsten Runde an und fuhr quasi im Blindflug durch den Wald. Glücklicherweise leuchteten mir 4er Teamfahrer den Weg aus, gesehen hätte ich nichts mehr. Nach dem Wald ging es wieder etwas.

Augen zu und durch? Oder Augen zu und Powernap? Eine tolle Aufnahme von Sportograf

Augen zu und durch? Oder Augen zu und Powernap? Eine tolle Aufnahme von Sportograf

Irgendwann in den letzten Runden vor dem Lampenwechsel entstand auch eines meiner Lieblingsbilder zum Rennen. Mit geschlossenen Augen über den Trail. In mir brodelte zu diesem Zeitpunkt ein Feuer, ich kann mich noch gut erinnern wie stark die emotionale Belastung aus Freude über das Erreichte und gleichzeitiger Angst das Erreichte wieder zu verlieren war.

Die Lichtmontage ging ratz fatz. Während Sandra alles fertig machte, konnte ich kurz durchschnaufen und ein paar Datteln essen und die extra für mich gekaufte Cola trinken. Hell yeah, Cola sorgt echt für rasend schnelle Energie.

Ich tanz die ganze Nacht, weil der Wald mich glücklich macht

Die ersten Runden mit Licht waren für meine Verhältnisse gut. Man brauchte nicht die volle Lumen-Power und mir machte das Fahren in der Dunkelheit weit weniger als normal.

Die Temperaturen kühlten ein wenig ab aber immer die Sträucher am Olympiaberg waren ein wahrer Energiespender. Die Luft stand hier und heizte uns wieder kräftig zu.

Bis zum geplanten Stop um 12:00 Uhr lief es super. Ich kam besser mit der Rennsituation zu Recht und erlangte mit dem Wissen, dass ich meine Position immer weiter ausbaue mein Selbstvertrauen zurück. Innerlich freute ich mich und die zunehmenden Krisen (Müdigkeit, ein Zwicken hier oder da) konnte ich mit „ICH WILL„-Botschaften schnell wieder verdrängen. Es gab nichts, was mich zu dieser Zeit hätte aus der Bahn werfen können.

Irgendwann zu dieser Zeit überrundete ich zum ersten Mal Tino bewusst, wir unterhielten uns kurzzeitig und ich freute mich für ihn, dass er noch immer auf dem Rad saß und als 11. um eine Top10 Platzierung kämpfte. Wie leichtfüßig ich mich danach absetzen konnte gab mir ebenso neue Kraft wie die Gespräche mit Florian, der mir nach einer kurzen Schlafpause ziemlich lange (trotz Rundenrückstands) im Windschatten folgte, selbst aber nicht in der Lage war Führungsarbeit zu leisten.

Mit voranschreitender Zeit wurde das Rennen einsamer. Abgesehen vom Uferweg, wo ich regelmäßig das Zugpferd für viele Teamfahrer spielte, die dann kurz vor dem Anstieg davon zogen.

Um 12:00 war dann Pause und als 5. mit zwei Runden Vorsprung gönnte ich mir ganze 25min Pause. Es gab 60gr Jentschura Tischlein Deck dich, Kaffee und Datteln. Ein Hochgenuss um diese Zeit.

Der Plan war jetzt bis 6 Uhr durchzufahren. Leichter gesagt als getan, denn jetzt begann die eigentliche Herausforderung des Rennens. Weiterfahren, immer weiterfahren. Müdigkeit bis zum Gähnen durchzog meinen Körper und irgendwie musste ich die zwei bis drei Stunden überstehen. Ich verlor jede Runde 1-2 Minuten auf meine Zeiten davor, aber ich hatte nicht das Gefühl einzubrechen. Im Gegenteil, immer wenn die Müdigkeit zu stark wurde und das Gähnen nicht aufhörte, folgte ein mentaler „ICH WILL“-Kick, dazu motivierte mich meine Musik immer wieder aus Löchern. Denn seit der Pause hatte ich die Option Musik anzumachen, nutzte dies auch ab 1:30Uhr kontinuierlich.

Langsamer aber stetig Richtung toten Punkt. Weiterfahren, immer weiter. (c) Sportograf

Langsamer aber stetig Richtung toten Punkt. Weiterfahren, immer weiter. (c) Sportograf

24h Race München: Der Tiefpunkt in der Nacht

Um 2 Uhr war mein Tiefpunkt erreicht, mental wie körperlich. Ich trottete jede Runde um den Kurs in der Hoffnung das Licht geht bald wieder an. Außerdem nervte jetzt diese blöde Lampenhalterung, die sich gelockert hatte. Ich hielt nochmal kurz bei Sandra an, die für mich auf die völlig abwegige Idee kam, die Halterung wieder festzuschrauben! Heldin!

Etwas Cola und Datteln, sowie – der einzige Fehler im Rennen – Erdnüsse und ich saß wieder im Sattel. Alles in allem habe ich vielleicht 10min Zeit verloren, andere verloren aufgrund von Schlafpausen direkt Stunden. Memo an mich: Kein fett in Extremrennen. Das war für den Körper Gift und ich fühlte mich bis zum Morgen dadurch nicht besser. Cola und Daten waren die Konterbiere, so dass ich damit trotzdem irgendwie klar kam.

Ohne das die Lampe wackelte konnte ich die restliche Fahrt im Dunkeln auch besser durchstehen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, meine Halterung festzuschrauben, obwohl ich ja ein Minitool mitführte…

Jubel, Trubel, Heiterkeit: Der Sonnenaufgang naht

Kurz vor 4 Uhr. Ich freute mich darauf, dass gleich der Sonnenaufgang kommt. Sandra sprang direkt an der Strecke rum, beide Arme in die Hände gerissen. Ich dachte zuerst es sei der verzweifelte Versuch mich wach zu rütteln oder darauf aufmerksam zu machen, dass es gleich hell wird. Nein, es kam anders.

„Dritter! Du bist Dritter, Daniel“ und nicht wiederzugebende Jubellaute. Ich glaube ich war wie geschockt und konnte im ersten Moment nicht mehr als ein „Was? Krass!“ erwidern, ging aber gleichzeitig in den Wiegenritt und Kampfmodus über. Jetzt wird es das Rennen deines Lebens, sagte ich mir und unterdrückte Tränen der Freude.

Anders als Stunden zuvor setzte das Ergebnis nicht unter Druck, sondern löste pure Freude aus. Auch wenn ich um 19:00 Uhr Ansgar sagte, dass die vor mir zu Schell seien, habe ich in der Nacht die Lücke geschlossen und baute meinen Vorsprung nun sogar aus.

24h Race München: Platz 3 treibt an

Zu diesem Zeitpunkt war das Rennen physisch anstrengend aber der Schmerz einfach nebensächlich. Ich teilte jede Runde in zwei Phasen, vom Start bis zum Anstieg am Olympiapark war es ruhig und easy und der Anstieg dann für mich Anschlag. So konnte ich wieder Rundenzeiten deutlich unter 20, stellenweise unter 19 Minuten fahren.

3.! Ich konnte mein Glück kaum fassen. (c) Sportograf

3.! Ich konnte mein Glück kaum fassen. (c) Sportograf

Das Erebnis trieb an. Ansgars Internet Jubel, den ich jetzt Dank Garmin Forerunner und verbundenem Handy mitlesen konnte, setzten den ganzen einen drauf. Wenn dann och die Hosen gleichzeitig „An Tagen wie diesen“ singen, dann fährt man eben mit Gänsehaut um den Kurs.

Bis 8 Uhr verlief die Zeit wie im Flug. Der Sonnenaufgang war wunderschön mit anzusehen, die Strecke wurde wieder voller und neben dem Zelt von Tino bekam ich als „Dritter“ jetzt auch am Olympiasee und am fang des oberen Stadionumlaufs viel Zuspruch.

24h Race München: Frühstücken in Rekordzeit

Eigentlich war mir nicht nach frühstücken. Keine Zeit, Zeit zu verlieren. Aber mit 2 Runden Vorsprung und jetzt wirklichen Hunger tat des Not. Außerdem merkte ich jetzt auch langsam das Rennen in den Knochen. Die Beine waren auf Anschlag aber vier Stunden gehen immer!

Zum Frühstück setzte ich ebenso wie zuvor auf Jentschura Morgenstund, dazu Kaffee und Datteln. Es gibt nichts besseres. Der Körper könnte das Essen perfekt verstoffwechselt und mit jeder warmen Mahlzeit neue Energie gewinnen.

Das Frühstück dauerte keine 10min bis ich wieder auf dem Rad saß. Sandra montierte die Lampe ab, so dass ich endlich wieder den vorderen Flaschenhalter nutzen konnte.

Iso und Gel alle 2-3 Runden war die Strategie für die letzten Stunden, anhalten war nicht mehr geplant. Ich war überzeugt, dass ich das nach Hause fahre, wenn ich noch eine Stunde durchhalte und in dem Tempo beiße.

Es tat jetzt extrem weh. Die Freude mit all ihren Antrieb und Gänsehaut auf der einen Seite, die Abgeschlagenheit mit schweren Beinen, müden Muskeln auf der anderen Seite. Trotzdem baute ich den Vorsprung auf 2,5 Runden aus und um 9 Uhr gab es die ersten Zurufe, das nimmt dir keiner mehr.

Ein fast perfektes Rennen

Das Rennen endete dann doch anders. Während ich längst im Energiesparmodus das Ergebnis verwaltete und das Fahren sich wie eine Triumpffahrt anfühlte, rechnete ich nicht mehr mit Schwierigkeiten. In 180min 50 Minuten abzugeben ist nicht möglich, bedeutete dies doch bei meinen Rundenzeiten von knapp unter 23 Minuten eine Aufholjagd meiner Mitstreiter mit Zeiten unter 18 Minuten. Zeiten, die nicht einmal mehr der alles überlegene Führende Markus Hager fuhr.

Doch ein übermotiviertes Überholmannöver im einzigen Singletrail der Strecke brachte die so ärgerliche Wende. Ich wurde dabei am Lenker touchiert, musste das Rad abfangen und verdrehte dabei irgendwie das Knie. Im ersten Moment schien alles ok, eine Weiterfahrt ohne Probleme.

Wut im Bauch und Trauer im Herzen. (c) Sportograf

Wut im Bauch und Trauer im Herzen. (c) Sportograf

Doch innerhalb der nächsten drei Runden schritten die Schmerzen immer weiter voran, bis ich in der letzten Runde alle Steigungen schieben musste, weil das linke Bein nicht mehr zu belasten war. Um kurz nach elf gab ich das Rennen mit 65 Runden auf. Kauf Platz 3 liegend mit 1,5 Runden Vorsprung.

Fehlende Erfahrung und kein Selbstvertrauen

Besonders ärgerlich ist die Situation im Nachhinein. Mir hätte eine weitere Runde unter 40min zum dritten Platz gereicht. Eine weitere verdammte Runde, in der ich hätte 15min langsamer fahren können als in meiner allerschwächsten Runden. Das war mir aber zum Zeitpunkt der Aufgabe nicht klar.

Ebenso wenig war dies meinem Team klar, alle gingen von 2-3 Runden aus, weil wir nur den Modus kannten, dass jed Runde die vor Ende der Zeit begonnen wird zählt. In München zählt nur jede vollständig gefahrene Runde vor Zeitende.

Diese eine Runde mehr hätte ausgereicht. Und ganz ehrlich, trotz aller Schmerzen wäre das drin gewesen.

Ich habe – auch wegen meinem schlechten Selbstvertrauen – klein beigegeben. Nicht bis zum Ende gekämpft, weil ich dachte, ich kann diesen Vorsprung nicht mehr retten. Bei noch 3 Runden und knapp 30min war das auch wirklich nicht mental anders zu denken, zumal meine Zeiten katastrophal einbrachen.

Letztendlich bin ich also mental gescheitert. „Gescheitert“. Ich war nah dran an dem perfekten Ergebnis. Und bin am Ende „nur“ das Rennen meines Lebens gefahren. Und Thomas Schaffelhofer konnte sich verdient den dritten Platz erobern. Raffael Künzel wurde souverän Zweiter.

24h Race München: Fazit

Ich hätte gerne das Gefühl zurück, dass ich um 19 Uhr in mir hatte. Diese absolute Freude über den fünften Platz. Das ich keine Luftsprünge auf dem Rad gemacht habe, war alles.

5. ALTAH! Grenzenlose Freude um 20:00. Und auch heute noch. (c) Sportograf

5. ALTAH! Grenzenlose Freude um 20:00. Und auch heute noch. (c) Sportograf

Aber durch den Rennverlauf ist eine Hälfte in mir getrübt. Und trotzdem war es das Rennen meines Lebens. Trotzdem bin ich stolz auf mein Team, dass so tolle Arbeit geleistet hat. Stolz auf meinen Fokus, meine Leistung, meinen Willen. Ich kann mir nicht viel vorwerfen, außer das ich am Ende nicht das umgesetzt habe, was mich durch die Nacht gebracht hat: Weiterfahren. Einfach immer weiterfahren.

Betrachte ich die Fotos sehe ich mich meistens Lächeln. Ich hatte Spaß während des Rennens. Ich habe das gesamte Rennen genossen. Die Höhen wie die Tiefen. Es war ein wunderschönes Erlebnis mit Happy End aber ohne Jubel. Ein komisches Gefühl.

Ein Gefühl, was mich antreibt. Ein Gefühl, was mich motiviert. Es ist keine Resignation mehr vorhanden, sondern 100% Antrieb.

In Gulbergen-24uurs bekomme ich eine weitere Chance, natürlich wird das Ziel nicht Podium lauten. Bei einem 24h Rennen kommt es auf Details an und ein Ergebnis ist nicht planbar. Aber ich gehe mit Zuversicht und Ambitionen in das Rennen. Ich weiß jetzt, dass ich Erfolg haben kann, wenn ich will.

Und vielleicht war dann dieser 5. Platz in München nur der Anfang.