Das war der erste Teil: Ein Stück der Strecke der 10. Etappe der Tour de France durfte ich selbst radeln. Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt, die Ziellinie zu überqueren und im gelben Trikot auf dem Treppchen zu stehen. Außerdem habe ich einen Blick hinter die Kulissen geworfen und einiges über die Zeitnahme erfahren. Hier geht’s zum Artikel über meinen ersten Tag in Frankreich mit Tissot.

Die 11. Etappe führt von Eymet nach Pau, fast bis an den Rand der Pyrenäen. Dennoch bleibt es flach, eine Sprintankunft ist also mehr als wahrscheinlich. Und obwohl ich mich am liebsten wieder selbst aufs Rad setzen würde, freue ich mich auch auf die Variante mit dem Auto: So kann ich heute nicht nur die letzten Kilometer, sondern die komplette Etappe sehen. Aber zuerst geht es in Eymet ins Departure Village. Hier kommt man nur mit dem entsprechenden Bändchen rein, allerdings ist das weit weniger spannend, als es sich anhört. Sponsoren präsentieren sich, man kann Wein und Stopfleber probieren – eine Spezialität der Region, aber die Hoffnung stirbt zuletzt, dass die Produktion auch in Frankreich irgendwann endlich verboten wird. Wir verköstigen also lieber nur Wein und schlendern dann zu den Teambussen.

Betreuer und Mechaniker sind gerade damit beschäftigt, die Bikes vor den jeweiligen Bussen zu parken. So viele schöne Räder auf einem Haufen! Am Zaun drängen sich die Fans, während wir zumindest ein bisschen näher ran kommen und zwischen den Bussen umher laufen und uns die Hälse nach den Details an den Rädern verrenken können. Komisches Gefühl, dass all die Fahrer, die man sonst nur im Fernsehen sieht, genau jetzt hier hinter den verspiegelten Scheiben sitzen und mit ihren Teams die heutige Taktik besprechen. Und uns möglicherweise dabei beobachten, wie wir auf ihre Arbeitsgeräte glotzen, als wären sie exotische Tiere im Zoo.

Hier werden gerade die Spickzettel mit Details zur Etappe an den Vorbau geklebt.

Die ersten Team-Meetings sind vorbei; vereinzelt tröpfeln Fahrer aus den Bussen, schnappen sich ihre Bikes und rollen irgendwo hin. Fahren die sich jetzt warm? Wenn ja, wo? Hier sind überall Menschen im Weg, Rollentrainer habe ich noch keine entdeckt. Tony Martin klettert aus dem Katusha Alpecin Bus, der Kommunikationschef schiebt ihn in unsere Richtung, er sagt kurz „hallo“ und wird dann direkt für zwei Interviews verhaftet. Wir müssen eigentlich los, weil der Start näher rückt und wir ja mit dem Auto die Strecke abfahren wollten. Vor dem Rennen. Da empfiehlt es sich, nicht später als die Fahrer zu starten … Schließlich schaffen wir es noch so gerade eben, mein Fangirl-Foto aufzunehmen. Ich finde es kurz witzig, dass ausgerechnet einer der Fahrer der einzige hier ist, mit dem ich Deutsch sprechen kann und wünsche Tony viel Erfolg. Eigentlich für das Zeitfahren in Marseille, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass man eine halbe Stunde vor dem Start und direkt nach Besprechungen und Interviews nicht unbedingt an irgendeine Etappe in eineinhalb Wochen denkt, deshalb beschränke ich mich auf viel Erfolg. Gilt dann halt für alles.

Nachdem wir uns in der verwinkelten und gesperrten, aber durchaus hübschen Altstadt von Eymet drölf mal verfahren haben und die Zeit jetzt so richtig drängt, schaffen wir es endlich auf die Strecke. Vor dem Rennen. Check! Ich sitze auf dem Rücksitz und die Aufgabe lautet: Winken. Was zur Hölle? Tatsächlich: Die Straßenränder sind noch voller als gestern auf dem Rad, klar, es geht ja auch gleich los. Vor uns sind vereinzelt Teamfahrzeuge unterwegs, ansonsten ist die Strecke natürlich längst gesperrt und deshalb komplett leer. Die Werbekarawane ist schon lange durch und die Zuschauer sind langsam aufgeregt. Sie empfangen uns freudig winkend und klatschend – zuerst finde ich das komplett bescheuert. Gestern auf dem Rad – okay. Da wusste ja keiner, dass wir nur 26 Kilometer gefahren sind, ist ja irgendwie nett, wenn die Leute einen beklatschen, während man radelt. Heute leiste ich gar nichts, ich sitze in einem mit Werbung beklebten Auto und das wars.

Spuren des Grand Départ liegen auch in Eyment noch rum

Trotzdem winke ich zurück, weil ich überhaupt nicht anders kann. Die Stimmung am Straßenrand ist vorfreudig und entspannt. Volksfest-Atmosphäre gemischt mit Grillparty und Campingurlaub. Das ist echt so unfassbar charmant am Radsport: Fans aller Teams stehen friedlich nebeneinander an der Strecke. Verschiedene Nationalitäten, alte Leute, junge Leute, Kinder. Manche haben Tische und Stühle in den Vorgarten getragen, andere hocken vor dem Wohnmobil, spielen Karten, blicken kurz auf, wenn wir vorbei brausen und winken dann wie wild. Ein Ort sieht aus wie der andere: alte Häuser aus Stein, kleine Kreisverkehre, geschmückte Straßen, Trikots in den Fenstern. Dann wieder Sonnenblumenfelder soweit das Auge reicht, bis der nächste Ort die Idylle kurz unterbricht. Schon schön hier!

Nachdem wir genug Vorsprung auf das Peloton herausgefahren haben, halten wir für eine Mittagspause an. Tatsächlich ziemlich in der Nähe der Verpflegungszone – wahrscheinlich würden die Jungs in der Fluchtgruppe sich auch gerne mal für ein Picknick neben einen Weinberg ins Gras setzen und sich das Lunchpaket schmecken lassen. Stattdessen strampeln sie sich die Seele aus dem Leib, vor allem einer von den dreien wird es sich heute auf den letzten Kilometern so richtig geben. Wie knapp die Entscheidung wird, ahne ich natürlich noch nicht.

Direkt an der Sprintwertung heißt es: „Lasst uns hier mal kurz anhalten, dann können wir das Rennen vorbei ziehen sehen. Und vielleicht bekommen wir hier auch einen Kaffee.“ Klingt plausibel. Niemand schöpft Verdacht, als wir rein zufällig neben einem Flugfeld parken. Bis die Hubschrauber landen. „Ready for take off?“ WIE BITTE? Heilige Scheiße. Eine Sekunde überlege ich, ob das ein Witz sein kann, aber die meinen das ernst. Wir tauschen also das Auto gegen einen Helikopter und verfolgen das Rennen von oben. Wie im Fernsehen! Nur viel besser!

Wenige Kilometer vor dem Ziel landen wir direkt am Streckenrand und müssen uns wieder beeilen: Schnell umsteigen in die Autos, die mittlerweile bis hier hin vorgefahren sind, damit wir vor den Fahrern das Ziel erreichen. Während wir ausgerechnet auf der Zielgeraden im Stau stecken, nimmt das Rennen hinter uns gerade so richtig Fahrt auf: Maciej Bodnar attackiert aus der Fluchtgruppe, fährt schnell einen hübschen Vorsprung heraus und die Sprinterteams haben alle Hände voll zu tun, um den Zeitfahrer wieder einzufangen.

  

Schließlich schaffen wir es noch gerade eben rechtzeitig, den Weg frei zu machen, zu parken und vor die nächstbeste Leinwand zu sprinten. Jetzt wiederholt sich das Spiel von gestern: Mit dem 10-Kilometer-Signal steigt die Spannung mit jeder Sekunde. Bodnar hält sich tapfer an der Spitze und macht es den Sprintern schwer. Sehr schwer. So schwer, dass Marcel Kittel ihn erst knapp 300 Meter vor der Ziellinie stellt. Weniger als 300 Meter! Das Ganze passiert also nicht mehr irgendwo anders auf der Leinwand, sondern direkt hier vor unseren Augen. So nah dran am Etappensieg und dann so knapp doch noch vorbei geschliddert.

Trotz aller Sympathie für den Ausreißer freue ich mich natürlich, dass es doch noch einen Sprint gibt und dass der Sieger – wie sollte es anders sein? – wieder Marcel Kittel heißt. Dylan Groenewegen wird übrigens zweiter, was ich dieses Mal sogar ohne Wiederholung in Zeitlupe erkennen konnte – allein schon wegen Wagis Tourtagebuch hätte ich ihm den Etappensieg ja auch mal gegönnt. Dass er sich eineinhalb Wochen später den allerletzten Sieg in Paris holt, konnte in Pau ja noch keiner ahnen, aber: umso schöner!

A pro pros Tourtagebuch: Am Vortag in Bergerac bin ich mehr oder weniger durch Zufall in Sebastian Paddags gestolpert. Nachdem wir uns im April bei der Testfahrt der zweiten Etappe schon einmal gesehen hatten und ich sein Video zur Aktion damals ziemlich unterhaltsam fand, habe ich mich mitterweile zum absoluten Tourtagebuch-Fan entwickelt. Die Insights aus dem Peloton sind von Robert Wagner wunderbar beobachtet und von Sebastian Paddags grandios in Worte gefasst. Jeden einzelnen Tag. Nach dem bisschen Tour-Luft-Schnuppern an nur zwei Tagen kann ich bestätigen: Die Tour de France schreibt große Geschichten. Von Helden, vom Siegen und vom Scheitern, von Schmerz, Leid und Erfolg. Die spannenden Geschichten liegen aber oft abseits von Sportschau und Eurosport. Man findet sie am Streckenrand, hinter den Kulissen zwischen Tembussen und LKW, in den Köpfen all der tausend Menschen, die bei bei der Tour arbeiten, die ihren Urlaub im Wohnmobil an der Strecke verbringen, die wochenlang mit diesem Zirkus durchs Land reisen. Danke, dass ich zwei Tage lang ein kleiner Teil davon sein durfte!

Nochmal ein riesiges Dankeschön an Tissot, die mit der Einladung zur Pressereise diese einmaligen Erlebnisse und die Berichterstattung hinter den Kulissen der Tour de France ermöglicht haben. Tissot hat dabei auf die Inhalte der Artikel keinen Einfluss genommen.