Drücken, ziehen, drücken ziehen. Atmen. Breite, gesperrte Straßen, die bis zum Horizont geradeaus führen. Der Asphalt ist gut, es rollt gut, wir fliegen. Hinterrad halten! Das Herz klopft und hüpft und überschlägt sich fast. Irgendwo in der Dordogne, östlich von Bordeaux, sind die Straßen nicht unseretwegen gesperrt, sondern für die Tour de France, für die 10. Etappe, die von Périgueux nach Bergerac führt. Obwohl das Fahrerfeld noch weit entfernt ist, stehen schon jetzt Zuschauer am Streckenrand. Dazu sorgen die Bandenwerbung, unsere Trikots mit Rückennummern, unser Führungsfahrzeug und das Kameramotorrad für einen Hauch Renn-Atmosphäre. Dann der rote Bogen: Noch zehn Kilometer bis zum Ziel. In wenigen Stunden werden hier die Sprinterteams versuchen, ihre schnellsten Fahrer bestmöglich zu positionieren. Wer macht es heute? Wieder Marcel Kittel?

Ich wünschte, ich hätte meinen eigenen Sprintzug. Auf dieser perfekten breiten Straße hinter dem höchstpersönlichen Anfahrer kleben, sich dann auf den letzten Metern aus dem Windschatten lösen und alles reinhalten, was geht. Stattdessen eröffnen wir unsere eigene kleine Fluchtgruppe, während das Tissot-Peloton ein wenig zurückfällt. So fühlt es sich also an, wenn man die Strecke einer Sprintankunft einfach mal selber radelt. Wieder ein Bogen: Noch ein Kilometer. Eine 90° Kurve noch, dann geht es auf die Zielgerade. Und die ist ganz schön schnell vorbei – nicht etwa, weil wir so schnell fahren, sondern weil die letzten 400, 300, 200 Meter einfach verdammt kurz sind. Unvorstellbar, wie man auf so kurzer Strecke bei Tempo 70 noch Zeit für taktische Spielchen haben kann – ich bin bei 30 km/h weniger schon überrascht, wie schnell alles vorbei ist. Aber: Fühlt sich ziemlich gut an, so eine Ziellinie bei der Tour de France zu überqueren!

Ich bin auf Einladung von Tissot hier, die nicht nur offizieller Sponsor sind, sondern auch der Zeitnehmer der Tour. Was das genau bedeutet, erfahren wir nach dem Mittagessen in der Technical Zone. Dass die Tour de France ein klitzekleines bisschen größer ist als die knapp 200 Fahrer, die mit ihren Teams drei Wochen durch die Gegend reisen, war mir auch vorher klar. Dennoch ist es beeindruckend, was für eine gigantische LKW-Stadt sich neben der Ziellinie verbirgt. Hier stehen die Übertragungswagen und mobilen Büros der Medienunternehmen und alle möglichen technischen Dienstleister. Wir lernen den Mann kennen, der für nichts anderes verantwortlich ist als den Ton im Zielbereich. Okay. Weil dieser riesige Wanderzirkus natürlich auch irgendwann Hunger bekommt, gibt es mehrere Kantinen – unter freiem Himmel, jeden Tag an einem anderen Ort aufgebaut.

Gestärkt besichtigen wir schließlich die Zeitnehmerkabine, die sich direkt neben der Ziellinie befindet. Im Vergleich zu den 30° draußen ist es hier drin schön klimatisiert. Vier von insgesamt acht Mitarbeitern sitzen vor Laptops und verfolgen relativ entspannt das aktuelle Renngeschehen. So richtig spannend wird es erst bei der Zielankunft. Genug Zeit also, um uns unsere eigenen Zielfotos zu zeigen und uns die Technik näher zu bringen.

Was ich echt spannend finde: Transponder am Rad sind nur eine Art Backup und nicht das entscheidende Instrument bei der Zeitmessung. Schließlich muss ein Fahrer nicht auf dem Rad ins Ziel kommen, mit dem er gestartet ist – es kann ein Ersatzrad sein oder das eines Teamkollegen. Entscheidend sind stattdessen die Aufnahmen der Hochgeschwindigkeitskameras an der Ziellinie in Verbindung mit dem menschlichen Auge. Bei unserer Zielankunft ist relativ deutlich zu erkennen, dass ich auf Rang 2 liege. Um uns ein knapperes Beispiel zu zeigen, sehen wir die Bilder von Edvald Boasson Hagen und Marcel Kittel, die nur drei Millisekunden voneinander trennen. Weniger als sechs Millimeter. Bei bis zu 10.000 Aufnahmen pro Sekunde zeigen die Kameras, wenn man nur nah genug ranzoomt, dass das Rad von Marcel Kittel einen Hauch früher auf der Ziellinie ist.

Unten bin ich zu sehen – und zwar auf Rang 2, weil sich oben über dem Auto noch jemand weiter nach vorn geschoben hat. Übrigens kommt die Verzerrung der Bilder (am besten an den Speichen zu erkennen) dadurch zustande, dass die Kameras nicht komplette Fotos aufnehmen, sondern einzelne Pixel genau im Moment des Überquerens der Ziellinie, die dann zu einem langen Bild zusammengesetzt werden. Hier gibt’s nochmal eine genaue Erklärung per Video.

Die Zuordnung der Fahrer funktioniert dann allerdings doch mithilfe der Transponder: Befindet sich das Rad 50 Meter vor der Ziellinie, empfängt eine Antenne das Signal des Senders und kann den Fahrer so identifizieren. Die Technik rund um die Zeitnahme hat übrigens ihren eigenen Notstrom – sollte es einen Stromausfall geben, ist die Zeitmessung für mehrere Stunden lang nicht gefährdet. Ganz gut zu wissen! Stressig wird es für das Tissot-Team hier direkt nach der Zielankunft: Innerhalb von nur zehn Sekunden sollte ein vorläufiges Ergebnis veröffentlicht werden – zuerst für die Etappe dann auch für das Gesamtklassement. Nachdem ich jetzt weiß, dass Menschen an Laptops für jeden einzelnen Fahrer per Hand rote Linien in Bilder basteln – und zwar nicht nur unheimlich schnell, sondern auch noch extrem genau – bin ich noch gespannter auf den heutigen Sprint.

So aufgeregt wie ich sind mittags noch nicht alle in der Technical Zone.

Schon beim Grand Départ in Düsseldorf war ich begeistert von der Atmosphäre, von den vielen Menschen, der Spannung, vom Mitfiebern, der spürbaren Begeisterung für Radsport. Ich habe keine Ahnung, was mich heute hier in Bergerac erwartet. Für mich ist es auf jeden Fall eine Premiere, eine Zielankunft direkt neben der Ziellinie zu erleben.

Ein akustisches Signal kündigt an, dass die ersten Fahrer an der 10-Kilometer-Marke angekommen sind. Plötzlich sind alle aufgeregt, die sich eben noch völlig entspannt unterhalten haben. Jetzt geht es darum, sich die besten Plätze zu sichern: auf der Tribüne, direkt an der Strecke oder mit Blick auf eine Leinwand – oder am besten alles zusammen. Die hämmernden Hände auf der Bande werden lauter und lauter, genau wie das Läuten der Kuhglocken. Klatschen, Glockengebimmel, alles steigert sich, wird immer mehr, immer stärker, immer lauter. Schließlich kündigt der Hubschrauber das Feld an. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Die Spannung liegt nahezu greifbar in der Luft.

Noch 1000 Meter. Noch 800. 500. 300. Nur 300 Meter! Die virtuelle Welt auf der Leinwand und die reale werden zu einer: Endlich hat das Warten ein Ende. Auch wenn es sich im VIP Bereich mit Sicherheit etwas anders gestaltet als am Rand der Strecke irgendwo im Grünen, so sind die Tage doch recht ähnlich: Lange passiert nichts und dann geht alles ganz schnell. Ein grüner Blitz fliegt als erstes über die Ziellinie. Das war Marcel Kittel und das war deutlich! Geil! Allerdings auch schade für John Degenkolb, der zweiter wird und dem ich den ersten Etappengewinn bei der Tour so sehr gegönnt hätte.

Das Finish ist heute definitiv nicht knapp, keine Millimeter-Entscheidung. Dennoch haben die Jungs mit der Zeitnahme jetzt zu tun, denn schon nach ein paar Sekunden ist auf der Leinwand das vorläufige Ergebnis zu sehen. Währenddessen löst sich die Anspannung rund um den Zielbereich wieder. Man pilgert entweder zu den Teambussen, zur Siegereherung oder zum Champagner. Was für ein Tag!

In den nächsten Tagen geht es hier mit Teil 2 weiter: Auf der 11. Etappe von Eymet nach Pau durfte ich einen Blick ins Departure Village werfen, Tony Martin vor dem Start die Hand schütteln, die Strecke mit dem Auto abfahren und schließlich vollkommen überraschend mit einem Helikopter über das Rennen fliegen – viel zu viele Eindrücke für einen einzigen Artikel!

Hier geht es zu Teil 2: Inside Tour de France – 11. Etappe von Eymet nach Pau

Ein riesiges Dankeschön an Tissot, die mit der Einladung zur Pressereise diese einmaligen Erlebnisse und die Berichterstattung hinter den Kulissen der Tour de France ermöglicht haben. Tissot hat dabei auf die Inhalte der Artikel keinen Einfluss genommen.